Sonntag, 8. März 2009

Verdammnis. - Teil 10

"Männer, wir haben uns die Zeit und den Ort nicht ausgesucht! Aber jetzt stehen wir hier! Und Rondra zeigt uns das sie auf unserer Seite ist. Die Wege der Götter sind undurchschaubar, jedoch könnte sie uns ein deutlicheres Zeichen senden als Blitzschlag und Donner? SIE streitet mit uns! RONDRA!" 
"RONDRA!" antworteten hunderte Kehlen: Die Bosparanische Legion stand wie ein Mann! Der Tribun schritt die Reihe ab und hob sein Schwert. 
"Prinz... seid ihr wirklich sicher? Ich empfehle immernoch; wir sollten warten bis das Entsatzheer des Horas..." 
"Schweigt Magier! Der Horas hat mir schon meine letzten Triumphe genommen" brachte der Tribun, Prinz Ayklos, den gebrechlichen Magier zum Schweigen und warf ihm einen zornigen Blick zu. Er hasste den Mann. Die Entscheidung musste jetzt getroffen werden, jetzt wo die Geschütze einen Riß in der Mauer gerissen hatten. Auch wenn es leicht regnete Blitze über den Himmel zuckten. 
"Aber die Zeichen ..." winselte der Magier. 
"Ich - habe - mich - entschieden!" brachte der Sohn des Horas abgehackt vor und brüllte dann "ANGRIFF!". Zum Zeichen für die Katapulte ruckte sein Schwert nach unten. Die schweren Geschosse hüpften, als die Steine abhoben und, als würde Satinav das Boot der Zeit langsamer fahren lassen, auf die Mauer zuflogen und mit lautem Krachen auf die Mauer stürzten.
Die Legion marschierte unter lautem Klappern mit den Waffen gegen die Schilde los. Schritt für Schritt dränge das erste Battalion mit dem Rambock auf das Tor zu. Die Pfeile der Verteidiger prasselten am undurchdringlichen Schildwall der Bosparaner ab. Nadelstiche auf den Schildkrötenpanzer. Der Prinz war zufrieden, beobachtete das Vordringen seiner Truppen. 
Etwa einen viertel Stundenlauf später rammte der Bock das erste mal gegen das Tor der Festung. 
"Seht ihr, Magus, die Verteidiger können nichts gegen die unbesiegbare XII Legion tun" dozierte der Prinz. "Ausgehungert wie sie sind, werden sie ein leichtes Opfer sein, zurück gerängt in ihre letzte Zuflucht. Danach wird ihr Reich dem Horas gehören" Er lächelte selbstzufrieden. 


Rumms! Der Rammbock war gegen das Tor gerammt.
"TERTIO! Stellung nehmen und - Ziehen!" brüllte der Centurio. Unter dem Rammbock, versehen mit Holzdach und bespannt mit dickem Leder, waren die Soldaten der ersten Kohorte geschützt vor Pfeilbeschuß. 
"SECUNDO! ZIEHT zu-rück!" befahl Centurio Roncas und seine Männer zogen den Rammbock nach hinten. Er selbst zog einen Riegel vom Fensterchen zur Seite und öffnete es. Durch das Fenster in dem fahrbaren Holzgestell gönnte er sich einen kurzen Blick aufs Tor, welches schon schwer unter dem Eisen-Widderkopf gelitten hatte. 
"Ihr habt es gleich, Männer! PRIMO!" Schon rauschte der Rammbock unerbittlich nach vorne und es dröhnte, als der Widderkopf auf das Tor traf. Holz splitterte, das Tor vibrierte, hielt aber noch. 
"Achtung! Tertio! Stellung ne.." setzte Roncas an, dann brachen die Niederhöllen los. Es regnete Flammen. Die Verteidiger hatten brennendes Pech auf das Dach des Wagens schütten lassen. Direkt vor Roncas brannte sich die Flüssigkeit durch die Decke, einem Legionär ins Gesicht. Dieser schrie auf, als sich Haut und Fleisch auf einmal lösten. Eine grausige Grimasse blieb zurück, als der Legionär zu Boden sank. 

"Devicus, schick Nerym vor." befahl der Prinz. 
"Herr?" der Magier zögerte. 
Ein Blick des Prinzen ließ seine Zweifel verstummen 
"Wie ihr befehlt.." schluckte der weißbärtige Mann seine Kritik herunter und fuhr mit der Hand zu dem Opasdiadem an seiner Stirn. Er flüsterte etwas. Kurz darauf schälte sich eine rote Figur aus der ersten "Schildkröte" hinter dem schwelenden Rammbock, aus dem Todesschreie gellten. 


Neryms Herz raste, als er für einen Augenblick den Schutz der II. Kohorte verließ. Ihm stieg sofort der Geruch von Feuer, verbranntem Fleisch und ätzendem Pech in die Nase. Gerüche die sich in den letzten Wochen bei ihm eingebrannt hatten. Innerlich verfluchte er den Prinzen dafür, sein, Neryms,  Leben so leichtfertig - und frühzeitig - einzusetzen. Zum wiederholten Male in den letzten Wochen! Zwei seiner Gefährten waren schon auf diese Weise in der Vergangenheit umgekommen. Zwei Leibwächter schützten seinen Körper vor Beschuss und schälten sich mit aus der Schildkröte. Zwei Herzschläge später sah er das Inferno von Angesicht zu Angesicht. Es Donnerte über ihm. Ob Rondra so einen Kampf wollte? Besonders ganz vorne am Kopf der Levthangehörnten Ramme hingen mehrere verkohlte Körper zwischen dem Rammengestell im Holz. Nerym schluckte. Er hasste diesen Krieg! Warum hatte er nur diesen Contract unterschrieben. Was waren die Geldmünzen seiner Ausbildung schon gegen die Greuel die er hier miterlebt hatte. Nur um seine Schulden schnell abzuarbeiten hatte er zugestimmt. Vermutlich wollte der Prinz, jetzt, am Ende des Krieges alles daran setzen diese Kosten einzusparen und ihn zu opfern. Einen Orden für seine Familie! Diesen Gefallen würde er der Horasbrut nicht tun. Dann sah er Roncas, wie die Leiche eines Legionärs zur Seite schaffte und stieg im gleichen Augenblick über den Balken des Holzgestells in das brennende Gebälk. 
"Männer" brüllte der Offizier und wurde von einem Husten unterbrochen "Ausgangsstellung!"
Er warf einen verzweifelten Blick zum Magier hinter sich und nickte. Sie waren Freunde geworden. Würden sie zusammen sterben?


"Was macht dieser Narr!" Der Prinz fasste wütend an seinen Feldherrenstab.  "Wenn unser Plan schief geht, mache ich euch persönlich dafür Verantwortlich, Hofmagier!" 
"Er wird nicht scheitern, Herr" presste der Alte Magier hervor. Zum ersten Mal war etwas eine Gefühlsregung in seinen Worten zu hören. Verachtung? Der Prätorianer hinter neben dem Feldherrenzelt warf einen Blick auf den Magister Magnus um festzustellen, ob dieser Dummheiten im Sinn hatte. Natürlich nicht. Der Hofmagier hatte sein Leben lang im Palast der Horas überlebt, er wusste wie er sich zu verhalten hatte. Auch wenn diese Gefühlsregung des Magiers gewagt war, der Prinz hatte es scheinbar überhört, viel zu versessen vom Kampfgeschehen. Der Prinz bleckte die Zähne. Vielleicht hatte er auch die Verachtung des Magiers gehört und es gefiehl ihm sich ein wenig mit ihm zu Messen?



"Primo!" kam der Befehl des Centurios ziemlich erschöpft hervor. Der Levthanskopf donnerte gegen die Wand aus Holz. 
Endlcih hatte sich Nerym nach vorne gekämpft und war über den sterbenden Legionär gestiegen, dessen Position an der Ramme nun der Centurio einnahm.
"Achtung! Tertio! Stellung..." ein weiteres Husten unterbrach den Centurio in seiner Befehlsgebung. Die Soldaten arbeiteten dennoch im gewohnten Takt weiter. 
Nerym fasste an den Opal. 
"Magister, ..." murmelte er, mehr für sich selbst, und spürte die Bestätigung des Älteren, seines Meisters "Wir sind bereit."
Dann ging der Magier tief in sich, verdrängte die brennende Welt um sich. Vergaß den Gestank, die Schreie, die Erschütterungen,  tastete nach dem tiefen beruhigenden klaren See. Der See war seine Möglichkeit, sich zu konzentrieren. Die schönste Zeit in seinem Leben hatte er an einem See verbracht. Die Quelle seiner Kraft. 
Dann fühlte er die Kraft in sich aufsteigen, kanalisierte es in seinen eingstudierten Formeln und dann brach die Kraft aus seiner Hand und traf auf das Tor. Dort, wo er das Tor betrachtet hatte, schien es matt zu werden. Jegliche Kraft wich aus dem Holz, es wurde grau und schimmelig. 
"PRIMO!" une es krachte. - Der Centurio lachte grimmig auf, als der Rammbock das Tor durchschlug. 
"DURCHBRUCH! Brüllte er! Noch einen Schlag! Danach Ramme frei!"



"Na endlich." entfuhr es dem Prinz fast gelangweilt. "Mein Pferd! - Hofmagus, ihr auch?" 
Mit einem grinsen blickte er zum Greisen Hofmagier. Natürlich würde dieser nicht die Kraft haben ihn zu begleiten. 
"Na gut, dann wartet hier." säuselte der Feldherr und setzte den Helm auf. 
"Natürlich Herr, die Ehre ist Euer." antwortete der Hofmagier, wieder zur alten Gefühlslosigkeit zurückfindend. 
Gerne hätte der Prätorianer in den Gedanken des Magiers gelesen als dieser zurückblieb und der Prinz und seine Garde aufsaß. 



"RAMME FREIGEBEN!" brüllte der Centurio und seine Männer schoben die Ramme aus dem Weg, als die II. Kohorte vorrückte. Geschrei und RONDRA-Rufe paarten sich zu den Angriffsposaunen. Ein Sturm brach los. Die Legion rückte vor! Der Centurio drückte den Magier kurz an sich, auch wenn dafür eigentlich keinen Platz war, zu dieser Zeit an diesem Ort. Dann verließ er das rauchende Gefährt und schütze den Magier mit seinem Schild gegen Pfeile. Dieser blickte erschöpft, wie sie alle. Nerym hatte sich zu einem passabelen Kämpfer entwickelt in den letzten Wochen.  Sie hatten die Technik entwickelt, die Tore zu knacken. 

Dann riß sie der Strom der Soldaten mit. Ein Stoßgebet nach Alveran sendend, es möge kein neuer Feuerstrom vom Torhaus regnen, durchquerten sie dieses.  Das schwarze Pech vermischte sich, noch brennend, mit Wasserpfützen vom Regen und dem Blut der Kämpfenden. Die wahre Schlacht hatte begonnen. Die Tulamida hielten sich wacker gegen die Soldaten Bosparans. Nerym und Roncus hatten Schutz in einem Torbogen gefunden und sahen wie die Soldaten die Krieger des sogenannten Schwarzen Sultans immer weiter zurückdrängten. Rondra hatte kein Einsehen mit ihrem Kampf. Immer heftiger schüttete es vom Himmel. Doch dann geschah es...


Der Prinz trat durch das Haupttor, geschützt von seiner Garde. Die Soldaten mit den schwarzen Harnischen, versehen mit dem roten Mantikor, flankierten den Mann in der goldenen Rüstung. Sein Weißer Mantel trank das Blut des Bodens. Seine Soldaten jubelten ihrem Herrscher zu. Sie liebten ihren Feldherren. Ein Pfeil wurde von Geisterhand vom Prinzen abgelenkt. Einer der Magier senkte die Hand. Der Zauber würde den Prinzen gegen den heimtückischen Beschuß schützen. Der Magier zog sich wieder zurück, auf jedes Zeichen eines Feindes achtend. Er war die große Hoffnung des Prinzen, sein zukünftiger Hofmagier. Der Hofmagier des nächsten Horas!

Gerade rückte der Troß des Prinzen bis zur Mitte des Innenhofs vor, da ließ ein underisches Brüllen jene erstarren, die nicht gerade in Kämpfe verwickelt waren. Heister aber grausam und mächtig und überwältigend dröhnte es über den Platz und ließ alle auf dem Hof zusammenschrecken. Dann sahen die Krieger es - Ein Monstrum schälte sich aus dem Tor auf der obersten Terasse der Verteidiger. Die Kreatur hatte Bocksfüße. Ein Stierkopf krönte den riesigen, muskelbepackten Körper der sechs Schritt großen Kreatur. Es hielt in jeder seiner vier Arme eine andere Waffe. Links einen blutbeschmierten Morgenstern. Es sah so aus, als ob dieser schon blutige Ernte unter den Köpfen der Verteidiger gefunden hatte. Gerade im Moment Rammte die unheilige Kreatur die Kugel in den Rücken eines Bogenschüten der von oben auf die Angreifer geschossen hatte und riß dabei die Brüstung mit fort, hinter der der Unwissende Schütze sich versteckt hatte. In der nächsten Hand zuckte eine Peitsche schlangengleich in die Brust eines Verteidigers, welcher unter niederhöllischen Qualen zu Boden ging. Sofort entzündete sich die Wunde und wurde zu einem grünen, matschigen Fleck auf der Brust des Soldaten. 
In der dritten Hand hielt die Kreatur ein riesiges Beil, dessen Schaft aus einem giganitischen Knochen bestehn zu schien. Ein Totenkopf auf dem Stiel schien schmerzerfüllt aufzuschreien, als der Stierkopf mit seinen blutunterlaufenden Augen auf seine Waffe starrte und dann das Blut vom Beil leckte. Die Zunge erinnerte an ein Tentakel und grünlicher Geifer tropfte aus dem Maul zu Boden, wo er zischend liegen blieb. Die vierte Waffe war ein riesiges Schwert. Auf einer Seite scharf wie ein Babiermesser und auf der anderen gezackt wie eine Säge zerteilte es mit einem unwilligen Blick den Kopf eines Soldaten des Feindes mit einem Hieb. 
Die Kreatur brüllte erneut niederhöllisch auf und überdröhnte damit das Donnern des Himmels. Er reckte den Brustkorb empor und streckte alle vier Waffen zum Himmel. Die Kreatur machte zwei Schritte nach vorne und zum Vorschein kam ein unnatürlich großes, erigiertes Glied. Die Kreatur war voll in ihrem Element - Sie geilte sich am Kampf auf. Vollkommen schien der Blutrausch zu sein, unendlich ihre Mordlust. 
Dann senkte sich der Blick auf die Prätorianer und den Prinzen. Blutrote, gelbe Augen in denen ein wildes Feuer brannte, starrten auf den Hof hinab. 
"DAS DU MICH GERUFEN HAST UM DIESEN WURM UND SEINE LÄCHERLICHEN SCHÄRGEN ZU VERNICHTEN WIRST DU BEREUEN. DANACH BIST DU DRAN, MAGUS! UND DANN DER REST!" dröhnte die Stimme über den Platz. 
Dann setzte die Kreatur zum Sprung an und machte einen Satz in den Hof. Donnernd kamen die Hufe auf, bevor auch nur einer der Leibgarde reagiert hatte. Der erste Prätorianer der sich aus der Erstarrung reißen könnte, war ein junger blonder Mann. Er starrte die Kreatur mit aufgerissenen Augen an. Einen Moment später stürmte er mit einem lauten 
"Niemals! Für den Horas!" nach vorne auf die Kreatur. "Für RON..." weiter kam sein Anruf der Göttin nicht, da biß ihm die Peitsche die Kehle aus dem Hals. Er fiel wie ein Sack Mehl zusammen. 
Ein horaslicher Magier sammelte den Mut nach vorne zu treten und spreitzte die Hand. Vor ihm glomm eine Wand aus magischer Kraft auf. Die Kreatur brüllte wütend etwas auf einer fremden Sprache und ein Feuerschlag schlug aus ihrem Hals. Wenige Augenblicke später prasselten die Hiebe auf die Wand ein. Man konnte den Eindruck haben, dass der Schatten der Kreatur immer erst etwas später reagierte. Das Schild erzitterte, als die Waffen des Dämons auf es prallten. 
"Euer Majestät, ihr müsst.." brüllte der Magier an seinen Herrscher gewand nach Hinten. Dann verstummte er erschreckt, als der Schild, den er mit all seiner Macht erschaffen hatte aufblitzte und wie ein verlöschender Stern verging. Der Magier schaffte es nicht mehr, sich zum Dämon zu wenden. Er wurde von der Peitsche am Fuß erfasst, die ihm bis auf den Knochen schnitt, und zurückgezogen unter den Dämon. Dieser setzte einen Huf auf den Kopf des Magiers. Dieser brüllte entsetzt auf. So viel Panik hatte nie einer der Soldaten auf dem Hof in einem Schrei liegen hören. Dann zerbarst der Kopf wie eine reife Melone unter dem Huf des Dämons. 
"Ups" gurgelte die Stimme des Wesens gehässig, gleichzeitig begleitet von einem grollenden Kichern. Nun entfaltete die niederhöllische Kreatur ihr volles, schreckliches Potenzial. Die vier Waffen Kreisten und wirbelten im Hof und jeden Augenblick starben Legionäre. Jeder Hieb schien ein Toter zu sein. Der Prinz schrie entsetzt auf, als die Kreatur sich zu ihm durch arbeitete. 
"Für Dich habe ich mir etwas besonders ausgedacht!" höhnte der Dämon mit dem Blick auf den Prinzen gerichtet unb bleckte die Zähne. In diesem Moment zeriss er einen Legionär in der Luft. Die Wirbelsäule hing grotesk aus dem Oberkörper des Toten, das Blut besudelte den Blutsäufer vollkommen, dann machte er einen weiteren Satz nach vorne. 
"Verteidigt Euren Horasprinzen!" kreischte der Feldherr entsetzt auf und wirklich, die Prätorianer, seine Leibgarde, formierte sich zum Schutz, obwohl sie wussten das es kein Entkommen gab. 

Nerym wandte seinen Blick zu seinem Freund. Dieser starrte immernoch auf die Kreatur. Unsägliches Entsetzen spiegelte sich in seinem Gesicht.
"...mögen die Götter uns beistehen.. mögen die Götter uns beistehen.." murmelte der Centurio immer wieder. 
"Roncus! Komm zu Sinnen! Wir müssen Kämpfen oder Fliehen!" 
Der Magier schlug seinem Freund ins Gesicht. Der Geschlagene blickte kurz zum Magier. Dann wieder zurück zum Gemetzel, in dem sich der Dämon suhlte. 
"Ich .. kann nicht ... fliehen.. so ein Frevel!" Roncus rann eine weitere Träne über das Gesicht. Nerym nickte. Es gab ohnehin kein Entkommen. Beide drehten sich herum, um gegen das Böse zu kämpfen. Dieser Gegner - und die die ihn gerufen hatten - mussten sterben! 


Der Prinz stolperte zurück zum Tor, floh, wie viele Soldaten auch, gemeinsam vor dem unbesiegbaren Feind. In Tor stehend sah er eine kleine Gestalt regungslos vor dem Feldherrenzelt stehen: Der Hofmagier! 
Hätte er bloß auf den Rat des verfluchten Alten gehört.. Dann spürte er den heißen stinkenden Atem des Wesens hinter sich und drehte sich zitternd um. Er bemerkte wie er sich benässte. Dann sah er die rot glühenden Augen seines Gegners... 



Donnerstag, 5. März 2009

Verdammnis. - Teil 9

Das Gebrüll des jungen Thorwalers war schon lange zu hören gewesen, als die Türe aufflog und Herr Firun einen eisig kalten Luftstoß mit in die Hütte bließ.

Arngrim, ein Thinskar (=Leibwache d. Hetleute), hatte den Auftrag gehabt auf den Sohn seines Hetmannes Trollwulf der Drachenschild-Ottajasko zu achten. Geir, sein Schützling, und seine Freunde waren in Thorwal unterwegs gewesen. Die Jungs hatten sich prächtig amüsiert und auf dem Heimweg war das Unglück passiert: Auf der spiegelglatten Straße hatten die Jungs ihren Spaß gehabt und hatten sich mit Schneebällen beworfen. Dann hatte Geir, als Arngrim nicht aufgepasst hatte, gewagt, auf einen Stapel Kisten zu klettern um seine Freunde von oben mit Schneebällen einzudecken. Arngrim wollte ihn gerade herunterholen, aber da war es schon zu spät gewesen: Das Glück hatte den Jungen verlassen, als der Stapel ins Wanken geraten war. Geir hatte noch versucht auf den Beinen aufzukommen, hatte aber nicht mit der eiskalten Straße gerechnet. Es hatte ein lautes Knacken gegeben, als der Junge ausgerutscht und aufgeschlagen war. Der Junge hatte seitdem nur noch geschrien und brüllte dauernd, das sein Knie ihm so weh täte. Wäre er bloß Ohnmächtig geworden! Arngrim hatte die Lage erkannt, die Situation verlangte nach einem Fachkundigen Läknir (=[Wund-]Arzt).

"Renea!" brüllte Arngrim in den Raum, sah die Alte aber nicht. "Renea komm raus ich brauche deine Hilfe!". Der Thinskar fegte den Tisch frei und legte mit Hilfe der Freunde Geirs den Jungen dort ab.
Verfluchtes Pech! schalt er sein Schicksal.
"Renea! Komm schon ich weiss das Du da bist!" Der alte Recke machte einen Schritt auf die Schlafecke der Alten neben dem Kamin zu und zog die dicke Wolldecke zur Seite, die den Schlafbereich vor der Kälte schützte. "Runolf, mach die Türe zu, Eldgrimm Du machst Feuer!" befahl er den Freunden Geirs.
"Was bei Swafnir machst Du da!" zischte die Stimme der alten Frau. Sie hatte sich aus ihrem Deckenlager erhoben und blickte dem Hühnen herausfordernd ins Gesicht. "Wen bringst Du da zu mir?"
Der Thorwaler schluckte. Sie war dürr geworden. Dürr und alt. Lange lag der Tag zurück an dem sie sich kennen gelernt hatten. Bestimmt vierzig Winter. Auch wenn sie jetzt eine alte Frau war leuchteten ihre Augen noch im alten Feuer. Augen, die er damals geliebt hatte. Augen die er gehasst hatte.
"Renea" er stockte kurz und versuchte ein Lächeln "ich bitte Dich. Er ist gestürzt. Sein Knie ist.. er hat es sich verdreht. Ich weiss nicht wo ich sonst hingehen soll. Bitte! Er ist mein Schützling. Ich weiß es ist lange her. Wir haben beide Fehler gemaht. Tu es für den Jungen. Helf ihm, ich weiß nicht wo ich sonst hin gehen soll! Er ist der beste Spieler von Orkan Thorwal.. ich ... er soll nicht durch einen Fehler von mir zum Krüppel werden.."
Erst dann bemerkte Arngrim dass er die Frau an den Schultern gepackt hatte. Sie blickte ihm tief in die Augen. Er musste an die Liebesnächte mit der sicher zwanzig Jahre älteren Frau im Sommer vor vierzig Jahren denken. Er war jung gewesen und hatte viel von ihr gelernt. Dann war er auf Fahrt gegangen und sie hatten sich aus den Augen verloren. Sie hatte versucht ihn wieder zu sehen. Auch wenn es ein Abenteuer gewesen war mit ihr, hatte sie immer ein seltsames Gefühl gehabt, wenn sie sich getroffen hatten. Auf der Straße. In einer Halla zu verschiedenen Feiern. Immer hatte er das Gefühl gehabt, ihm hätte etwas gefehlt ohne sie. Selbst als er verheiratet gewesen war, war dies so geblieben.
Er schüttelte die Gedanken ab und ließ die Frau los, die kurz zu dem Jungen am Tisch blickte, der von seinen Freunden umsorgt wurde, so gut es ging. Ihr Blick traf ihn wieder.
"Geh mir aus dem Weg" sagte sie kurz und gefühlslos und gab ihm einen Klaps auf sein Gemächt, so daß er schmerzerfüllt zusammenzuckt und zur Seite stolperte.
Sie zog ein Messer aus ihrem Gewand und schnitt dem Jungen die Hose auf. Die Jungs um den Tisch und Arngim starrten auf das blau-rot schimmernde Knie.
"Bei Swafnir" entfuhr es Runolf und schlug eine Hand vor den Mund.
Geir biß sich tapfer auf die Zähne und stöhnte als die Frau sein Bein anfasste.
"Muss ick sterben, Läknir?" brachte Geir ermattet vor und riß dann entsetzt brüllend den Mund auf. Er zuckte hoch und schnell packten seine Freunde zu. Renea hatte an seinem Fuß gezogen und mit der anderen Hand das Knie gedrückt.
Dann sackte er zusammen.
"Er ist ohnmächtig" stotterte Eldgrimm.
"Gut. Ihr verlasst jetzt mein Zuhause. Kommt morgen wieder." sagte Renea zu den Männern "Und Du, Thinskari wirst mir helfen, diesen Jungen zu heilen. Setz Wasser auf."

Geir bekam Wickel mit Kräutern. Er bekam alles nur wie im Traum mit. Das freundliche Gesicht der alten Frau beugte sich über ihn.
"Ist es jetzt besser?" flüsterte sie.
"Aye" stöhnte Geir.
"Gut. Schlaf jetzt, damit das Knie heilt. Ich gebe Dir etwas, was Dir dabei hilft. Gegen die Schmerzen! Das Knie braucht Ruhe. Du willst ja wieder Laufen können wie ein Orkan. Thinskar sagte, Du wärst einer der besten Spieler, hm?"
Geir lächelte. Er fühlte sich zu schwach zu antworten, trank aber mutig das bittere Gebräu aus, welches ihm die Frau unter die Nase hielt.
"Schlaf jetzt,.. und träum was schönes." sagte sie und tätschelte zärtlich seine Stirn. Doch Geir war schon eingeschlafen.

Als er aufwachte stand die Alte an der Herdstelle. Sie hatte ihm den Rücken zugewand und trug immernoch ihren Mantel. Doch sie hatte die Kaputze übergezogen.
Geir schluckte. Sein Hals war trocken.
"Läk..." brachte er krächtsend hervor. "Wo ist Angrimm? Kommt mein Vater?"
Du bist wach. Das ist gut. Dein Freund hat Dich im Stich gelassen. Es gibt .. Neuigkeiten für Dich. Dein Knie betreffend. Es wird schwierig, es zu heilen.
Die Stimme der Heilerin sprach mal schnell mal zischelte sie langsam, als ob sie keine Ruhe finden könne...
"Wa.. was ist mit meinem Knie? Ist es zu retten? Bitte Läknir, hilf mir. Ich will kein Krüppel sein! Bitte"
Natürlich. Du willst laufen. Stürmisch wie ein Orkan. Du willst doch ein guter Läufer bleiben? Die Stimme kicherte. Nun, wie gesagt. Das wird wohl nichts mehr. Mit 17 Wintern schon ein humpelnder Krüppel...
"Bitte, Fru, sei nicht so gemein zu mir. Ich habe schon die Riten der Männlichkeit hinter mir! Ich bin erwachsen und will leben.. Ich will nicht dazu verdammt sein hier in Thorwal bleiben zu müssen..."
Tja, daran geht wohl kein Weg vorbei. Es tur mir so leid für dich.
Geir meinte Hohn in der Stimme zu hören und riß die Augen auf, als er sah wie kurz ein silberner Schimmer über die Decke tanzte. Ganz wie der Glanz vom Blatt einer Säge oder eines Beils... Hatte die Frau mit den freundlichen Augen vor ihm das Bein abzunehmen?
"Fru Läknir, ick bitte dich. Kann ick denn nichts tun?"
Nun.. vielleicht schon. Aber dazu wärst Du mir einen großen Gefallen schuldig. Es wird Dir nicht gefallen was ich von Dir verlange. Irgendwann später verlange! ... Aber wenn Du zustimmst. Ja, dann könnte ich Dich retten. Außerdem ist es - verboten, könnte man sagen. Wieder ein hastiges Kichern. Es ist Zauber im Spiel. Die Darken Alfen müssen helfen. Willst Du das?
Geir schauderte. Alfen? Es gab viele Geister. Gute wie Schlechte. Konnte man ihre Hilfe anflehen? Und Darke Alfen waren sicher keine guten Geister. Jedoch, was sollte er tun? Er hatte so viele Träume. Orkan Thorwal, seine Mannschaft. Und er wollte noch auf See fahren, für Thorwal kämpfen, Abenteuer erleben. - Und irgendwann seinem Vater als Hetmann folgen. Wie sollte er das mit einem verkrüppelten Bein je schaffen? Das Risiko musste man eingehen, wenn sie denn helfen konnten, diese Alfen. Trotzem zögerte Geir, er spürte etwas grundfalsches in diesem Angebot. War dies wirklich eine Läknir? Oder vielleicht eine Hexe?
Wenn Du zögerst, ziehen die Sterne vorbei zischte die Stimme. Entscheid Dich! Rasch! Die mantelumhüllte Gestalt vor dem Feuer drehte leicht den Kopf vom Feuer weg, als ob sie die Antwort Geirs fordere.
Geir rang mit sich. Seine Hand wanderte zu seinem Glücksbringer, der Gürtelschnalle mit dem Wal Swafnirs.
Lass das Du kleiner Narr! Er kann Dir nicht helfen. Thorwaler entscheiden selbst was richtig und falsch ist. Ich brauche eine Antwort. Jetzt! - Antworte! Dann wird es vielleicht sogar besser als vorher...
"Ja... gut.. ich .. -ich will das Du mir hilfst" Besser als vorher?
Jaah, stöhnte die Gestalt, besser. Willst Du der beste Läufer werden? Schneller als die anderen?
"Ja, Läknir!" sagte Geir hastig.
Die Gestalt reckte den Kopf erleichtert in die Höhe. Ihr entfuhr nach einer längeren Stille ein erleichtertes Stöhnen, das bei Geir eine Gänsehaut erzeugte. Kühle stieg in ihm auf und legte sich wie eine Hand um sein Herz.
Gut. Dann haben wir eine Vereinbarung. Irgendwann musst Du mir einen Gefallen tun. Und behalt unser kleines Geheimnis für Dich. Sonst werden die Alfen ..böööse!
Wieder drehte sich die Gestalt vom Feuer weg, seitlich zu seiner Position. Geir hatte dein Eindruck, er hätte bei der Gestalt für einen kurzen Augenblick ein Funkeln anstatt Augen unter der Kaputze gesehen. Dann überkam ihn eine schwere Müdigkeit, während die Gestalt auf ihn zukam. Hinter dem Schatten loderte die Feuerstelle auf, so das man nur Schwärze erkannte. Und zwei unerbittliche Augen, die hecktisch hin und her zuckten. Bevor die Gestalt zum Tisch gehuscht war, auf dem Geir lag, war er schon eingeschlafen.

"Junge, werd wach verdammt" hörte Geir Arngrims Stimme. Dann öffnete er die Augen. An seinem Tisch standen Arngrim und Renea. Beide blickten ihn hoffnungsvoll an. Die Augen der älteren Frau waren die selben, die ihn gestern in den Schlaf gewiegt hatten. Ruhig und warm.
"Aye, Arngrim, ich bin wach" lächelte Geir.
Er horchte in sich. Das einzige was von dem gestrigen Schmerz übrig geblieben war, war das Gefühl, als ob sich etwas im Knie drehe. Sicherlich nachwirkungen vom Sturz. Renea wickelte den Verband ab und erstarrte.
"Bei den Göttern" entfuhr es ihr.
Das Knie war zwar noch gerötet und aufgerissen, aber die Tinktur hatte scheinbar enorme Wirkung gezeigt. Auch zu probieren, es zu bewegen ging ohne Mühe und scheinbar schmerzlos.
"Spürst Du etwas, Junge?" fragte die Heilerin.
"Nein, Fru, ihr habt ganze Arbeit erledigt. Danke für Eure Hilfe!"
"Ich habe nur Wickel gemacht. Ich wollte das die Schwellung zurückgeht. Aber dies...!"
Arngim blickte hoffnungsvoll und klopfte Renea, die völlig erstaunt neben dem Tisch stand, auf die Schulter
"Ganze Arbeit! Danke!" Er drückte ihr einen kurzen Kuss auf die Wange "Du bist halt wirklich die Beste!"
Sie warf dem Thorwaler einen süßlichen Blick zu, kam aber nicht zu einer Antwort, denn auch Geir umarmte die ältere Frau und setzte sich auf.
"Danke, Läknir." sagte er. Von draußen drang Lärm in die Stube, man hörte Männer die Straße zum Haus herunterkommen.
"Mein Vater und meine Freunde!" Der Junge sprang auf und drückte die Heilerin noch einmal fest an sich. Danach lief er zur Tür, offensichtlich ohne Schmerzen zu haben.
Der Thorwaler sah zu seiner ehemaligen Freundin herab.
"Wie hast Du das bloß hinbekommen?" fragte er sie
"Ich war das nicht.. Ich meine. .. Ich weiß es nicht.. Es ist.. unglaublich.. Einfach seltsam.." antwortete sie, dem Jungen hinterherblickend.
"Und was hat der Junge Dir eben noch ins Ohr geflüstert?" flaxte der Thorwaler.
Die Frau blickte Arngrim völlig ratlos an: "Er sagte... 'Ich werde unser kleines Geheimnis für mich behalten.'"

Mittwoch, 4. März 2009

Phileasson - Die Tote See

Wo sich das Meer Schiffe nimmt,
ohne sie zu verschlingen,
wo drei alte Freunde leben,
ohne einander zu trauen,
dort hat der Kelch des Fenvarien seinen Glanz verloren.
Bringt das Kleinod nach Tie'Shianna,
und ihr erhaltet den zweiten Schlüssel zur Erkenntnis in den Händen.

Die donnernde Stimme hörte sich an wie die Brandung, die sich an der Klippe brach. Sie verebbte, nachdem die Geweihte gesprochen hatte und bewusstlos im Sand zusammen sank. Eine weitere Prophezeiung! Von Kodnas Han erfuhren wir später, welcher Ort gemeint sein könnte. Wo das Meer die Schiffe nimmt. Natürlich! Auch ich hatte von diesem Ort schon einmal gehört. Die Tote See. Ein riesiges Tangfeld, ein Unheiliger Ort im Perlenmeer. Jedes Schiff verschlingend, welches sich in ihm verfing. Ein Ort, der nur die wenigsten wieder frei ließ. Ein Ort an dem Hranga regierte... - Und dahin sollte unsere Reise führen?...

...Wir hatten also den ersten Tag auf dem wankenden grünen, stinkenden Tangfeld hinter uns gebracht. Es erstreckte sich meilenweit vor uns und wir kamen nur langsam voran. Abends errichteten wir unser Lager auf einem der stabil wirkenderen Schiffe namens "Efferdtreu". Nichts war von der Mannschaft übrig, nicht einmal ein Logbuch. Was wohl mit ihnen geschehen war? Ich bat die Travia-Geweihte einen Segen zu sprechen um die Nacht ruhig und ohne Störung hinter uns zu bringen. Sie vollführte ihr Gebet ohne die Mannschaft zu informieren, damit keine Unruhe ausbrach, ob einer Gefahr die vielleicht an diesem Ort lauere. Obwohl sie dies tat, sahen die Wachmänner immer wieder nachts geisterhaftes Leuchten und kleine Lichtpunkte über dem Tang. Wir beschlossen, dem nicht nachzugehen. Laila behauptete es seien die Seelen toter Schiffsleute, die uns ins Verderben locken wollten. ...

... Die letzte Kreatur starb. Laut kreischend vollführte sie eine Drehung und klatschte in den Tang, der direkt seine 'Arbeit' aufnahm und begann, sie langsam und unaufhaltsam zu verschlingen. Da tauchte über uns in diesem Inferno ein Mann - offenbar Magier - mit seinen "Lederschwingen", wie er sie nannte, auf und beschwor uns, ihm zu vertrauen. Er sagte, es seien noch mehr der unheiligen Kreaturen im Anmarsch und er würde uns in Sicherheit bringen. Was blieb uns übrig? Nach kurzer Auseinandersetzung trugen uns seine Kreaturen davon. Zu unserem Glück konnten die Kreaturen nicht weiter als fünf Schritt in die Luft steigen, wir waren wohl zu schwer. Die Lederschwingen flogen uns auf eine abseits gelegene bornländische Schivone namens "Donnersturm". Der Mann stellte sich als Vespertilio vor. Natürlich hatten wir einige Fragen...

Freitag, 13. Februar 2009

Verdammnis. - Teil 8

(Nach Gebrüder Grimm, www.maerchen.org)

Es war einmal, mitten im Winter, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schweren Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und vom Schnee aufblickte, stach sie sich in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rot im Schnee so prächtig aussah, dachte sie bei sich: "Ach hätt ich doch ein Kind, so weiß wie der Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie der Rahmen". Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz, und ward darum Schneewittchen (Schneeweißchen) genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.
Über ein Jahr nahm sich der König eine neue Frau. Es war eine sehr schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig und konnte nicht leiden, daß sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin bestaunte, sprach sie:
"Spieglein, spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land?"
So antwortete der Spiegel: "Frau Königin, ihr seid die schönste im Land."
Da war sie zufrieden, denn sie wusste dass der Spiegel die Wahrheit sagte. Schneewittchen aber wuchs heran, und wurde immer schöner, und als es sieben Jahr alt war, war es so schön, wie Rahjas Tochter, und schöner als die Königin selbst.
Als diese einmal ihren Spiegel fragte:"Spieglein, Spieglein an der Wand,wer ist die schönste im ganzen Land?"Da antwortete dieser: "Frau Königin, ihr seid die schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als ihr."Da erschrak die Königin, und ward schwarz und rot vor Neid. Von Stund an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so hasste sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie Dornen in ihrem Herzen immer höher, dass sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach: "Bring das Kind hinaus in den Wald, ich willst nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten, und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen." Der Jäger gehorchte und führte es hinaus, und als er den Hirschfänger gezogen hatte und Schneewittchens unschuldiges Herz durchbohren wollte, fing Schneewittchen an zu weinen und sprach: "Ach, lieber Jäger, lass mir mein Leben; ich will in den wilden Wald laufen und nimmer mehr wieder heim kommen." Und weil es so schön war, hatte der Jäger Mitleiden und sprach: "So lauf hin, du armes Kind." "Die wilden Tiere werden dich bald gefressen haben" dachte er, und doch wars ihm als wär ein Stein von seinem Herzen gewälzt, weil er es nicht zu töten brauchte. Und als gerade ein junger Frischling daher gesprungen kam, stach er ihn ab, nahm Lunge und Leber heraus, und brachte sie als Wahrzeichen der Königin mit. Der Koch musste sie in Salz kochen, und das boshafte Weib aß sie auf und meinte sie hätte Schneewittchens Lunge und Leber gegessen.Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelen allein, und ward ihm so angst, dass es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wusste wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief über die spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Tiere sprangen an ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts.
Es lief so lange die Füße noch fort konnten, bis es bald Abend werden wollte, da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein sich zu ruhen. In dem Häuschen war alles klein, aber so zierlich und reinlich, dass es nicht zu sagen ist. Da stand ein weiß gedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner sieben Messerlein und Gäbelein, und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein neben einander aufgestellt und schneeweiße Laken darüber gedeckt. Schneewittchen, weil es so hungrig und durstig war, aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs' und Brot, und trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein; denn es wollte nicht einem allein alles wegnehmen. Hernach, weil es so müde war, legte es sich in ein Bettchen, aber keins passte; das eine war zu lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente recht war. Und darin blieb es liegen, befahl sich Praios und schlief ein. Als es dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Häuslein, das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und gruben. Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell im Häuslein ward, sahen sie dass jemand darin gewesen war, denn es stand nicht alles so in der Ordnung, wie sie es verlassen hatten. Der erste sprach: "Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?" Der zweite: "Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?" Der dritte: "Wer hat von meinem Brötchen genommen?" Der vierte: "Wer hat von meinem Gemüs' gegessen? Der fünfte: "Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?" Der sechste: "Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?". Der siebente: "Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?" Dann sah sich der erste um und sah das auf seinem Bett eine kleine Delle war, da sprach er: "Wer hat in meinem Bett getreten?" Die andern kamen gelaufen und riefen: "In meinem Bett hat auch jemand gelegen." Der siebente aber, als er in sein Bett sah, erblickte Schneewittchen, das lag darin und schlief. Nun rief er die andern, die kamen herbei gelaufen, und schrien vor Verwunderung, holten ihre sieben Lichtlein und beleuchteten Schneewittchen. "Ei, oh Angrosch!" riefen sie, "was ist das Kind so schön!" und hatten so große Freude, dass sie es nicht aufweckten, sondern im Bettlein fort schlafen ließen. Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum.Als es Morgen war, erwachte Schneewittchen, und wie es die sieben Zwerge sah, erschrak es. Sie waren aber freundlich und sagten: "Wie heißt du?" Ich heiße Schneewittchen, antwortete es. "Wie bist du in unser Haus gekommen?" sprachen die Zwerge. Da erzählte es ihnen, dass seine Stiefmutter es hätte wollen umbringen lassen, der Jäger hätte ihm aber das Leben geschenkt, und da wär es gelaufen den ganzen Tag, bis es endlich ihr Häuslein gefunden hätte. Die Zwerge sprachen. "Willst du unsern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, nähen und stricken, und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so kannst du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen." "Ja", sagte das Schneewittchen, "von Herzen gern", und blieb bei ihnen. Es hielt ihnen das Haus in Ordnung: Morgens gingen sie in die Berge und suchten Erz und Gold, Abends kamen sie wieder, und da musste ihr Essen bereit sein. Den Tag über war das Mädchen allein, da warnten es die guten Zwerglein und sprachen: "Hüte dich vor deiner Stiefmutter, die wird bald wissen, dass du hier bist; lass ja niemand herein."

Die Königin aber, nachdem sie Schneewittchens Lunge und Leber glaubte gegessen zu haben, dachte nicht anders als sie wäre wieder die erste und aller schönste, trat vor ihren Spiegel und sprach:"Spieglein, Spieglein an der Wand,wer ist die schönste im ganzen Land?"Da antwortete der Spiegel:"Frau Königin, ihr seid die schönste hier,aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergenist noch tausendmal schöner als ihr."Da erschrak sie, denn sie wusste, dass der Spiegel keine Unwahrheit sprach, und merkte dass der Jäger sie betrogen hatte, und Schneewittchen noch am Leben war. Und da sann und sann sie aufs neue, wie sie es umbringen wollte; denn so lange sie nicht die schönste war im ganzen Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe. Und als sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht, und kleidete sich wie eine alte Krämerin, und war ganz unkenntlich. In dieser Gestalt ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe, und rief: "Schöne Ware, feil, feil!" Schneewittchen guckte zum Fenster hinaus und rief: "Guten Tag, liebe Frau, was habt ihr zu verkaufen?" "Gute Ware, schöne Ware," antwortete sie, "Schnürriemen von allen Farben", und holte einen hervor, der aus bunter Seide geflochten war. "Die ehrliche Frau kann ich herein lassen" dachte Schneewittchen. "Kind", sprach die Alte, "wie du aussiehst! komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren." Schneewittchen hatte kein Arg, stellte sich vor sie, und ließ sich mit dem neuen Schnürriemen schnüren: aber die Alte schnürte geschwind, und schnürte so fest, dass dem Schneewittchen der Atem verging, und es für tot hinfiel. "Nun bist du die schönste gewesen" sprach sie, und eilte hinaus. Nicht lange darauf, zur Abendzeit, kamen die sieben Zwerge nach Haus, aber wie erschraken sie, als sie ihr liebes Schneewittchen auf der Erde liegen sahen; und es regte und bewegte sich nicht, als wäre es tot. Sie hoben es in die Höhe, und weil sie sahen, dass es zu fest geschnürt war, schnitten sie den Schnürriemen entzwei: da fing es an ein wenig zu atmen, und ward nach und nach wieder lebendig. Als die Zwerge hörten was geschehen war, sprachen sie: "Die alte Krämerfrau war niemand als die götterlose Königin: hüte dich und lass keinen Menschen herein, wenn wir nicht bei dir sind." Das böse Weib aber, als es nach Haus gekommen war, ging vor den Spiegel und fragte:Spieglein, Spieglein an der Wand,wer ist die schönste im ganzen Land?"Da antwortete der Spiegel:"Frau Königin, ihr seid die schönste hier,aber Schneewittchen über den Bergenbei den sieben Zwergenist noch tausendmal schöner als ihr."Als sie das hörte, lief ihr alles Blut zum Herzen, so erschrak sie, denn sie sah wohl dass Schneewittchen wieder lebendig geworden war. "Nun aber," sprach sie, "will ich etwas aussinnen, das dich zu Grunde richten soll", und mit Hexenkünsten, die sie verstand, machte sie einen giftigen Kamm. Dann verkleidete sie sich und nahm die Gestalt eines anderen alten Weibes an.
So ging sie hin über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe, und rief: "Gute Ware fei!, feil!" Schneewittchen schaute heraus und sprach: "Geht nur weiter, ich darf niemand hereinlassen." "Das Ansehen wird dir noch erlaubt sein", sprach die Alte, zog den giftigen Kamm heraus und hielt ihn in die Höhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, dass es sich betören ließ und die Tür öffnete. Als sie des Kaufs einig waren, sprach die Alte: "Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen." Das arme Schneewittchen dachte an nichts, und ließ die Alte gewähren, aber kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte, und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel. "Du Ausbund von Schönheit", sprach das boshafte Weib, "jetzt ist's um dich geschehen," und ging fort. Zum Glück aber war es bald Abend, wo die sieben Zwerglein nach Hause kamen. Als sie Schneewittchen wie tot auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die Stiefmutter in Verdacht, suchten nach, und fanden den giftigen Kamm, und kaum hatte sie ihn herausgezogen, so kam Schneewittchen wieder zu sich, und erzählte was vorgegangen war. Da warnten sie es noch einmal auf seiner Hut zu sein und niemals die Türe zu öffnen.Die Königin stellte sich daheim vor den Spiegel und sprach:"Spieglein, Spieglein an der Wand,wer ist die schönste im ganzen Land?Da antwortete er, wie vorher:"Frau Königin, ihr seid die schönste hier,aber Schneewittchen über den Bergenbei den sieben Zwergenist doch noch tausendmal schöner als ihr."Als sie den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn. "Schneewittchen soll sterben", rief sie, "und wenn es mein eigenes Leben kostet." Darauf ging sie in eine ganz verborgene einsame Kammer, wo niemand hin kam, und machte da einen giftigen, giftigen Apfel. Äußerlich sah er schön aus, weiß mit roten Backen, dass jeder, der ihn erblickte, Lust danach bekam, aber wer ein Stückchen davon aß, der musste sterben. Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das Gesicht, und verkleidete sich in eine Bauersfrau, und so ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an, Schneewittchen streckte den Kopf zum Fenster heraus, und sprach. "Ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben's mir verboten." "Mir auch recht", antwortete die Bäuerin, "meine Äpfel will ich schon los werden. Da, einen will ich dir schenken." "Nein", sprach Schneewittchen, "ich darf nichts annehmen." "Fürchtest du dich vor Gift?" sprach die Alte, "siehst du, da schneide ich den Apfel in zwei Teile; den roten Backen ißt du, den weißen will ich essen." Der Apfel war aber so künstlich gemacht, dass der rote Backen allein vergiftet war. Schneewittchen lüsterte den schönen Apfel an, und als es sah, dass die Bäuerin davon aß, so konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon in ihrem Mund, so fiel es tot zur Erde nieder. Da betrachtete es die Königin mit grausigen Blicken und lachte überlaut, und sprach: "Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz" diesmal könne dich die Zwerge nicht wieder erwecken." Und als sie daheim den Spiegel befragte:"Spieglein, Spieglein an der Wand,wer ist die schönste im ganzen Land?"So antwortete er endlich:"Frau Königin, ihr seid die schönste im Land."

Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann. Die Zwerglein, wie sie abends nach Hause kamen, fanden Schneewittchen auf der Erde liegen, und es ging kein Atem mehr aus seinem Mund, und es war tot. Sie hoben es auf, suchten ob sie was giftiges fänden, schnürten es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb tot. sie legten es auf eine Bahre und setzten sich alle siebene daran und beweinten es, und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch, und hatte noch seine schönen roten Backen. Sie sprachen: "Das können wir nicht in die schwarze Erde versenken," und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, dass man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein, und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf, und das es eine Königstochter wäre. Dann setzte sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer dabei, und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Schneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen.Nun lag Schneewittchen lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht, sondern sah aus als wenn es schliefe, denn es war noch so weiß als Schnee, so rot als Blut, und so schwarz haarig wie Ebenholz. Es geschah aber, dass ein Königssohn in den Wald geriet und zu dem Zwergenhaus kam, da zu übernachten. Er sah auf dem Berg den Sarg, und das schöne Schneewittchen darin, und las, was mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben war. Da sprach er zu den Zwergen: "Lasst mir den Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt." Aber die Zwerge antworteten: "Wir geben ihn nicht, um alles Gold in der Welt." Da sprach er: "So schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben ohne Schneewittchen zu sehen, ich will es ehren und hochachten wie mein Liebstes." Wie er so sprach, empfanden die guten Zwerglein Mitleiden mit ihm und gaben ihm den Sarg. Der Königssohn ließ ihn nun von seinen Dienern auf den Schultern fort tragen. Da geschah es, dass sie über einen Strauch stolperten, und von dem Schüttern fuhr der giftige Apfelgrütz, den Schneewittchen abgebissen hatte, aus dem Hals. Und nicht lange so öffnete es die Augen, hob den Deckel vom Sarg in die Höhe, und richtete sich auf, und war wieder lebendig. "Ach bei den Göttern, wo bin ich?" rief es. Der Königssohn sagte voll Freude: "Du bist bei mir", und erzählte was sich zugetragen hatte und sprach: "Ich habe dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in mein Vaters Schloss, du sollst meine Gemahlin werden." Da war ihm Schneewittchen gut und ging mit ihm, und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet. Zu dem Fest wurde aber auch Schneewittchens gottlose Stiefmutter eingeladen. Wie sie sich nun mit schönen Kleidern angetan hatte, trat sie vor den Spiegel und sprach:"Spieglein, Spieglein an der Wand,wer ist die schönste im ganzen Land?"Der Spiegel antwortete:"Frau Königin, ihr seid die schönste hier,aber die junge Königin ist tausendmal schöner als ihr."
Da stieß das böse Weib einen Fluch aus, und ward ihr so angst, so angst, dass sie sich nicht zu lassen wusste. Sie wollte zuerst gar nicht auf die Hochzeit kommen: doch ließ es ihr keine Ruhe, sie musste fort und die junge Königin sehen. Und wie sie hinein trat, erkannte sie Schneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlefeuer gestellt und wurden mit Zangen herein getragen und vor sie hingestellt. Da musste sie in die rot glühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.

Verdammnis. - Teil 7

Der Schlüssel drehte sich mühelos im Schloß und man konnte spüren wie die schweren Riegel die Tür unüberwindbar gegen jeden Eindringling werden ließen. Grimmig lächelte der Zwerg und stecke den Schlüssel ein. Er nahm seinen schwerden Hammer und schulterte ihn. Schwer beladen drehte Agbar sich um und blickte die Straße hinauf. Links und rechts ragten die hohen Häuser Yol-Ghurmaks in den Himmel. Der Schnee auf den Dächern war grau und schwarz gefärbt vom Ascheregen der Schmieden. Die Straße war Schmal, fast wie in Xorlosch... - Erinnerungen an seine Kindheit und die gute Lehrstube glühten kurz auf. Lange vorbei, fast wie in einem anderen Leben. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, die althergebrachten Lehren seiner Väter wirkungsvoll ergänzen zu können durch neues Wissen.
Die Leute in der Straße wichen erfurchtsvoll vor ihm zurück. Man grüßte ihn, zog den Hut. Sie erkannten wie stark er geworden war, niemand hatte solch ausgeprägte Muskeln und solches Geschick am Schmiedehammer je gesehen. Auch wenn er selten seine Werkstatt verließ, so war es heute nötig das Heiligtum seines Meisters zu besuchen. ER verlangte nach Opfern, das spürte Agbar. Der Gedanke ließ ihn noch mürrischer Wirken als sonst. Er tastete nach der eisernen Platte an der Stirn, die er einem Garether Lanzenstoß zu verdanken hatte. Er spürte die kleinen Nägel, mit denen die Platte in der Stirn festgenagelt worden war unter seinen Fingern dahingleitenden . Die Ärzte waren ratlos gewesen, wie man so etwas hatte überleben können. Agbar wußte, wem er es zu verdanken hatte. Dem Ratschlag seines Meisters, der ihm den Weg zum neuen Ruhm zu verdanken hatte: Galotta.
Agbar, Du darfst nicht sterben. Du sollst mein Meisterschmied werden. Der Schmied des Kaisers. ... Und dann hatte Galotta ihm die Augen geöffnet, dass der Preis gering war seinem alten Leben abzuschwören für die neue Macht. Ein Preis, den er innerlich schon lange davor bereit gewesen war zu bezahlen, einer den er zu zahlen bereit gewesen war. Galottas Ratschlag, seine Führung hatte ihn gerettet. Heute war er der Schmied des neuen Kaisers. Der Beste! Der Preis war eine Metallplatte an der Stirn, die nicht schön aus sah und, wie im Augenblick, juckte, aber sonst nicht behinderte. Welche der Dirnen kümmerte schon das aussehen eines Kunden, wenn er fähig war die Preise zu bezahlen. Sich ihm, einem engen Berater seines Kaisers zu wiedersetzen hätte ohnehin niemand getraut. Er nahm sich, was er wollte. Die Platte interessierte ihn nicht mehr.
Die Menschen auf der Straße grüßten ihn heute ehrfurchtsvoll, gingen ihm aus dem Weg, manchmal sahen sie ängstlich weg um seinem strengen Blick auszuweichen. Einige huschten sogar in den Schatten. Über diese Schwäche konnte man nur lachen. Er dachte an die Willenlosen die in seinen Schmieden arbeiteten, die Gefangenen die seine Öfen heizten. Unterworfen und willig gemacht durch die Diener des Kaisers, bereit gemacht um diesem Waffen und Rüstung zu schmieden: Kaiser Galotta! Durch Agbars Hand und Können...
Endlich erreichte Agbar das Ziel.
Er erinnerte sich, dass hier der Turm der Inquisition gestanden hatte, bevor die Stadt erobert worden war. Heute sah man nur noch Steinquader chaotisch verteilt in einem Ring um einen zwanzig Schritt durchmessenden Lavasee liegen. Hier war für Agbar das eigentliche Herz der Stadt. Man meinte über dem blubbernden See in der Hitze öfters Gesichter in der flimmernden Luft zu erkennen. Vielleicht die Seelen der Zwerge die hier geopfert worden waren, weil sie nicht ihrem Gott abgeschworen hatten. Zischend stieg eine gelbe Dampfwolke zur Bestätigung seines Gedanken auf. Ein Mahlstrom aus Lava tobte im Inneren der Lava. Hatte dies erst gerade begonnen? Agbar hatte den Eindruck der Ort hätte sein Kommen ersehnt.
Agbar erreichte den schwarzen Amboß und packte den Inhalt seiner Tasche aus. Die kleine Schmiede am Rand des Lavasees war extra für diesen Auftrag aufgebaut worden. Der Kaiser verlangte nach einer Waffe und Agbar würde sie ihm geben, auch wenn er nicht wusste was dieser ausgerechnet mit einem Schwert wollte. Ein Geschenk für Haffax? Ein Geschenk für einen seiner Generäle? Die Befehle des Herren hätte er ohnehin nie hinterfragt.
Agbar prüfte das Material und die Schmiede. Dann füllte er den Schmelzbehälter mit dem wertvollen Erz und setzte es in den Lavasee. Durch die Hitze entflammte urplötzlich sein Handschuh. Zischend zerfraß die Hitze das Leder und eine skelettförmige Hand aus glänzendem Stahl kam zum Vorschein. Ja, das Agrimothäum war bereit. Und er, Agbar mit den Stahlknochen, ebenfalls.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Verdammnis. - Teil 6

Regen prasselte an die Scheibe, die in dem garethischen Fensterrahmen hing. Ein Blitz zuckte über den Himmel und tauchte das Turmzimmer für einen Augenblick in gespenstisches Licht. Der Mann wischte sich über die Oberlippe, wo der Tropfen Blut, der aus seiner Nase gelaufen war einen langen Striemen hinterließ. Es kümmerte ihn nicht. Gedankenverloren lächelte der Mann schräg, den Blick starr auf das tobenden Gewitter außerhalb der schützenden Mauern gerichtet. Vielleicht hätte man ihn als wahnsinnig bezeichnet, hätte jemand sein Gesicht gesehen.
Wieder Blitze es, diesmal schlug der Blitz ganz nah ein und es donnerte. Die Schatten des Raumes zuckten zurück in die dunkelen Ecken. Der Mann drehte sich um und ging zurück zu seinem Labortisch. Zahllose Elixiere und Zutaten standen auf dem Tisch, sein neuestes Ergebnis lag behütet in einer kleinen Kiste mit samtenem Schutzkissen. Bald würde die Stunde sein um den Inhalt der Glasphiole zu testen. Dann tönte der Gong vom Praiostempel, wie eine letzte Mahnung vor seinem Plan über die Stadt. Der Mann drehte die Sanduhr um, die genau 13 Teile einer Stunde laufen würde. Dann wäre es 13 Minuten nach Mitternacht. Mehr des Symbols halber hatte er diesen Zeitpunkt ausgewählt, nicht etwa um dem Namenlosen zu huldigen. Aberglaube! - Zufällig war dies die Zeit, die der Trank brauchte um nach der Mischung mit diesem Abraxas (bosp. "Auslöser") seine Wirkung zu zeigen.
Irrwitzig lächelnd schloß er die Hand um die letzte, wichtigste Essenz, die er benötigt hatte um diesen Trank zu vollenden: menschliches Blut. Sein eigenes, so kostbar. Er wusste, dass dies Risikoreich war - wurde Blut ja auch oft bei Ritualen der Magier und Götzenanbetern benutzt, dennoch war es unabdingbar diesen Einsatz zu wagen, um sein Ziel zu erreichen. Ein Stöhnen durchdrang den Raum. Lächelnd beobachtete der Gelehrte wie das Blut in sein Elixier rann und sich vermischte. Fast sah es aus, als würde eine rote Wirbelsäule in der klaren Flüssigkeit schwimmen.
Er war zufrieden mit seinem Werk und gab ein kurzes Knurren zur eigenen Bestätigung von sich.
"Hic et nunc" murmelte er zu den Schatten "hier und jetzt.. und ihr seid meine Zeugen. Ist es nicht Fabelhaft, ich schenke der Welt eine neue Ordnung und lasse Euch teilhaben."
Er kicherte.
"Das Ergebnis langer Arbeit. Es kann nicht schief gehen. Alles ist Perfekt. Ein Mittel um Golgari aus dem Weg zu gehen. Wie lange ich schon danach suche.. was ich alles geopfert habe. Und wo ist der Dank der Menschen?" Seine Hand ballte sich zur Faust. "Hohn und Schmach zu meinen Ideen oder die Angst vor ihren Göttern. Darauf Spucke ich!
Schon seit dem Tod meines Großvaters graust es mich über den Tod nachzudenken. Damals kümmerte sich der Boronjünger um uns, die Hinterbliebenen. Das heißt er versuchte es.. - dieser wirre Kautz mit seiner stoppeligen Tonsur, der blassen Haut und seinen gruseligen dunkelen Augen. Selbst ein wandelnder Alptraum. Worin lag sein Trost? Ihn holen Phrasen, die Litanei seines Gottes wiederholend: Frieden Borons. Göttliche Paradiese.
Der Tod jedenfalls fasziniert mich seit damals. Ich wurde Alchimist, genau wie mein Vater. Tränke um den Menschen ihre Leiden zu erleichtern. Bei Einzelfällen sogar um ihnen das Leiden zu ersparen.. Diese Narren, dachte ich mir. Ich wollte nie sterben, nein. Eine Angst die mich bis heute treibt. Dennoch, mein Familienglück fand ich. Ich setzte selbst Leben in die Welt, um die Angst vor dem Vergehen zu vergessen. Ich Thor! Als die Rote Keuche nach Drôl kam, schützten uns auch meine Elixiere nicht. Die Sterbenden trommelten an meine Türe. Und selbst meine eigenen Kinder konnte ich nicht schützen..." plötzlich wurde seine Stimme schneidend "WO WAR DA DIE GNADE DER GÖTTER? Kinder! Sinnlos zu Boron gegangen. Auch alle anderen starben... Und selbst für die, für die das Boronrad bis dahin noch ein Zeichen der Hoffnung auf ihre Paradiese war, wurde es ein Zeichen des Todes. Ein Zeichen der Angst!"
Der Mann wischte sich wieder mit dem Ärmel über seine blutende Nase. Verdammt seinen die ätzenden Gifte, die er in der Vergangenheit eingeatmet hatte.
"Nur meine Frau und ich blieben übrig. Alle Verwandten tot. Auch wenn wir reich erbten, was war das für ein Preis! Die Götter wollten aber noch weiter über uns spotten. Sie schenkten meiner Frau das Glück einer weiteren Schwangerschaft. - Und zu welchem Preis? Das sie auf dem Kindsbett starb und nur das Kind überlebte. Und selbst dieses Glück, meine kleine Prinzessin, nahmen sie - oder er, Boron! - mir durch einen lächerlichen Unfall auf der Straße."

Der Mann spuckte einen klumpen Schleim in bereit stehendes Becken und wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. Er röchelte, richtete sich aber dann wieder auf und sah auf die kleine Sanduhr, die neben der einzigen Kerze im Raum stand. Die Kerze flackerte und es schien so als würden die Schatten gegen dieses winzig kleine Licht ankämpfen.
"Damals lies ich Drôl hinter mir.." sprach er weiter in die Dunkelheit. Seine Stimme schien sich etwas gefestigt zu haben, nicht mehr so heiser wie kurz davor. "Geld hatte ich ja genug. Also machte ich es mir zum Ziel ein 'Elixier des Lebens' zu finden, welches geliebte Menschen ... retten konnte vor der Hand des dunkelen Götzen. Doch mit meinen Forschungen wurde der Schatten in meinem Leben nicht kleiner. Natürlich. Wer hätte schon Lust das noch einmal durch zu machen, all das Leid. Nolens volens, Wohl oder übel, machte ich mich daran die Forschung zu meinem Lebensinhalt zu machen. Einmal beleidigte mich ein Boronpfaffe in Mengbillar eines Borbaradianischen Forschungsdrangs. Verblendeter Narr. Er bemühte sich, wie er sagte, um mein Seelenheil. Trotzdem schien er Angst vor dem Tod zu haben, als er schließlich erkrankte. Ich war bei ihm als er starb. Natürlich. - Die Nacht der Nächte in meinem Leben, muss ich sagen. - Kurz nach seinem Tod fand ich in einem Versteck ein Buch. Es traf mich wie der Blitz - dieser verfluchte Pfaff hütete schon seit Jahren eine Ansammlung 'nicht göttergefälligen' Texte und Rezepte. Kein Wunder das er aus heiterem Himmel plötzlich in meiner Tür gestanden hatte um mich zu 'warnen'. Wahrscheinlich wollte er allen Ruhm für sich - oder er wollte verhindern das sein Götze keinen Nachschub an Seelen mehr erntete. In einem der Texte stand, die Macht der Götter basiere nur auf den Seelen der Verstorbenen. Mit den Seelen bekämen sie ihre Macht. Und nur die Priester würden angeblich einen wirklichen Status im Himmel erhalten, je mehr Seelen sie 'retteten', desto besser würde es ihnen dort gehen. Kein Wunder warum die Götter alle Seelen für sich behalten wollen. Und das sie möglichst schnell an die Seelen kommen wollen.
Ich sehe heute die Wahrheit in den Texten die ich damals fand. So viel Macht wie ich durch die Elixiere erlangte hätte ich sonst nie erreicht. Eines Tages fand er mich, MEIN Gott. Er versprach mir das Geheimnis des Elixiers zu geben, würde ich einige verlogene Boronpfaffen beseitigen. Es war eine Genugtuung für mich, auf dieses Angebot einzugehen. Ja, auch wenn er eine beängstigende Macht hat, so teilt er sie doch auch mit seinen Jüngern. Sogar die Gabe seiner Kraft hat er mir geschenkt. Nicht wie bei den Pfaffen mit ihren lächerlichen Liturgien. Nein, mir schenkte er sogar die Kraft Tote zum Wandeln zu bringen. Zwar nur ihre Gebeine der Toten, völlig ohne Geist, aber dennoch half mir dies des öfteren. Schön waren sie freilich nicht, diese Wandelnden Leichname, aber heute wird sich das ändern. Heute werden die Toten mir ihrer Seele zurückgeholt aus dem Reich Borons' Finsternis. Und DU wirst der erste sein, dem diese Gabe zuteil wird. Es wird Zeit. Thargunitoth ich rufe Dich..."
Der Schatten, der Stumm dem Monolog gefolgt hatte, versuchte sich zu regen. Es kam jedoch keine Regung in seine Gleider. Wie Fesseln hatte sich Mattigkeit auf seinen Körper gelgt. Der götterverfluchte Wahnsinnige hatte ihm sicher Gift untergemischt. Nackt lag der Schatten auf dem kalten Tisch, nackt, ohne die Rüstung und seinen Glücksbringer das kleine Boronrad, welches er immer getragen hatte. Dem Golgariten hätten sich die Augen geweitet, wenn dies möglich gewesen wäre, als die verätzte Fratze des Totenbeschwörers über ihn beugte und ihm das Mittel in den Mund goß....

Dienstag, 10. Februar 2009

Verdammnis. - Teil 5

Lieber Sohn,

ich sende Dir diese Zeilen von Praiosdank auf der Insel Jilaskan aus, einer Insel die im Süden Maraskans liegt. Ich diktiere meine Worte einem Geweihten und gebe den Brief einem der wenigen Handelsreisenden mit, die diese verlassene Inseln besuchen und hoffe, er wird dich irgendwann in Al'Anfa erreichen. Mögen die Götter geben, dass meine Worte dich erreichen, denn dies ist der einzige Wunsch, den ich noch habe. Falls ich die seltsame Krankheit nicht überlebe, an der ich erkrankt bin, behalte meine Worte im Herz und lass sie Dir eine Warnung sein.

Es tut mir, Travia ist mein Zeuge, leid, dass ich so wenig Zeit für Euch hatte. Wie Du weisst habe ich schon immer für die Familie Mikals Adravci's gearbeitet. Immer stand ich an der Seite dieses Mannes und habe alles für ihn erledigt. Sicherlich haben wir viele Fehler gemacht, jedoch wollte ich immer das beste für Al'Anfa, die Familie Adravci und schließlich unsere Familie erreichen. Heute weiß ich um meine Fehler immer unterwegs zu sein, um Geld zu machen. Es wundert mich das Deine Mutter, obwohl wir uns oft über Wochen nicht gesehen haben, immer zu mir gehalten hat. Heute erkenne ich das es wichtigeres gibt als das Gold, welches uns geblendet hat.

Nun, dennoch fange ich vorne an.

Ich lernte Mikail Adravci einst in einer durchaus übelen Spelunke in Al'Anfa kennen. Wir unterhielten uns, berauscht von Wein und Rum, über unsere Pläne. Er war neu in der Stadt, Sohn eines Bornländers und einer Almaderin und erst seit einigen Tagen in Al'Anfa, einer Stadt die damals noch für Hoffnung stand.

Wir unterhielten uns also und auch in den Tagen danach blieb mir die Begegnung mit ihm im Kopf. Der Mann hatte Charisma und würde es sicherlich weit bringen, dachte ich - und hatte sicherlich Gespür fürs Geschäft. Einige Tage später klopfte es, der Mann stand vor meiner Tür. Er bot mir an, ich könne für ihn arbeiten und er brauche mich als Kontaktmann in der Stadt. Damals war ich noch Junggeselle und das Studium der Justiciae hing mir zum Hals raus. Er drängte mich sofort zuzustimmen und so willigte ich schon abends, nachdem er mich von seinen Plänen überzeugt hatte, ein, sein Partner zu werden.

Wir arbeiteten in den nächsten Jahren daran, Geschäftsbeziehungen ins Bornland aufzubauen. Mikail und ich schafften es durch wahrliche Finesse und Tatendrang, innerhalb der nächsten Jahren ein gesundes Kontor aufzubauen. Auch durch geschicktes knüpfen von Beziehungen gelang es uns schnell innerhalb der Gesellschaft Al'Anfas aufzusteigen. Der Höhepunkt damals war die erste Heirat Mikails - mit einer jungen Dame aus reichem Hause in Festum.

Leider war die Ehe nicht Tsagesegnet und die junge Frau starb bei der Geburt des Sohnes von Mikail. Trotzdem blieb die Beziehung zum Handelshaus in Festum - auch wegen der guten Gewinne - erhalten.

Wir verdienten wahrlich genung, doch Mikail schien es nicht genung zu sein. Er hegte einen großen Traum: Als Questador im Süden Schätze zu finden oder eine Kolonie aufzubauen. So überredete er mich, Phex will wissen wieso, unser Geld in eine waghalsige Acción anzulegen. Wir brachen mit zwei "Expeditionsschiffen" auf und suchten nach einer Insel, von der Mikail gehört hatte. Woher er diese Information auch immer hatte, verschwieg er, aber die Insel gab es wirklich. Sogar einige Echsenheiligtümer haben wir dort im Dschungel entdeckt. Jedoch fing damit auch der Fluch der Echsen, wie ich es nenne, an.

Mit dem Gold der Echsen konnten wir die Insel zur Kolonie ausbauen und unsere Gewinne stiegen ins unsermessliche. Obwohl Mikail sich einen gewissen Luxus leistete, blieb er dabei immer recht Bescheiden. So litt er auch nicht so unter dem Einbruch des Handels im Zuge des Krieges mit dem Horasreich, auf das ich meinen Geschäftszweig weitgehend ausgerichtet hatte. Als guter Freund richtete er mir einen Kredit ein, als mein Geld zu Ende ging. Unser Kontor drohte in Schieflage zu geraten und so überschrieb ich ihm die meisten der Anteile und er übernahm die Leitung - und meine Schulden - bis ich mich geschäftlich erholt habe.

Ich weiß bis heute nicht, wie ich überhaupt in eine solch missliche Lage geraten konnte, Phex schien sich damals gegen mich verschworen zu haben. Eigentlich war ich nie verschwenderisch und immer der vorsichtigere von uns beiden, dennoch schien Mikail immer das phexgefälligere Händchen zu haben. Nun, obwohl ich nun nicht mehr die Leitung des Kontors mit Inne hatte, gestattete mir Mikail meinen Lebensstandart durch ein Üppiges Gehalt zu erhalten und übertrug mir die Leitung des Kontors in Festum. Ich willigte zu, auch um Euch in Al'Anfa Euren Lebensstil zu versichern, auch wenn mich dies von euch über einige Jahre trennte.

Andererseits war ich auch froh, dass die Last der Geschäftsführung von mir abfiel. Die Götter wollten es wohl, dass Mikail das Geschäft leitete. - Als er einmal völlig überraschend in Festum auftauchte, hatte er es sogar noch geschafft seine Körperfülle abzubauen. Wie du weißt, zog er sich nach dem Unfall mit der Kutsche, bei dem sein Sohn damals ums Leben kam, das Bein nach, was ihm jegliche Bewegung erschwerte. Er hatte sich gerade einen ziemlich geschmacklosen Stab zugelegt, auf dem ein kleines Goldauge, wie er behauptete ein Überbleibsel aus dem Echsenschatz, prangte. Er behauptete augenzwinkernd, es würde ihn daran erinnern dass Praios - und die Konkurrenz - nie schlafen würden.

Die Ironie an dieser Sache wurde mir kurz danach bewusst, nachdem er mich ins Vertrauen zog. Während draußen der Herbst in Festum mit der Anreise Mikails begann, zog dieser die Fensterläden zu und erzählte mir von seinem Plan:
Er hatte Geschäftsbeziehungen zu einem 'Freibeuter' auf Maraskan aufgebaut und wollte die waren von diesem über sein Handelshaus verkaufen. Mir blieb die Sache bis zum Ende unheimlich. Sicherlich hat man im Geschäftsleben oft Tricks und Kniffe am Rande der Gesetze versucht, aber nie haben wir mit Piraten zusammengearbeitet!! Mikail überredete mich dazu, mir die Sache zu überlegen und reiste am nächsten Tag, etwas verärgert, ab.

In den folgenden Monaten traf es das Bornland hart:
Eine Hungersnot ließ die Gewinne im Kontor einstürzen und zudem schwächte auch die blutige See unsere Absätze. Immer wieder verschwanden Lieferungen.
Wieder schien der Fluch des Phex uns zu treffen, unser Geschäft auf Echsengold errichtet zu haben. Zumindest mich, denn Mikail schien trotz der Krisen weiterhin Gewinne einzufahren. Wir wechselten viele Briefe, er wollte jedoch nicht von seiner Idee abrücken. Schließlich berichtete er mir sogar, ich würde schon längst mit Piratengut handeln, ohne es zu wissen. Sogar vor seiner "Einweihung" in seinen Plan, hätte ich dies schon getan. Außerdem behauptet er meine liebreizende Frau würde mir fremd gehen und er hätte Euch "zum Schutz" zu sich genommen. Ich denke damit wollte er mich Maultot machen, dennoch bewegte mich dies schließlich zum Aufbruch nach Al'Anfa.

Ich bestieg also, entgegen meiner Neigung dies nur ein mal im Jahr zu tun, schnellstmöglich das nächste Schiff. Jedoch gerieten wir auf Hoher See in einen Sturm. Efferd allein beschützte uns und wir gerieten in den Hafen von Praiosdank auf Jilaskan. Die Praiospfaffen hier durchsuchten das Schiff und fanden Dokumente, die besagten, wir hätten Schmuggel betrieben. Obwohl beweisen konnte, das ich nichts damit zu tun hatte, musste ich an Bord im Hafen bleiben. Zur Aufsicht, ich durfte den Hafen nur mit Begleitung von einem ihrer "Lichtlegionäre" betreten, bis über mein Schicksal entschieden sei. Da der Hafen nicht sonderlich viel her gibt, betrat ich nur einige Male die Schenke, welche jedoch auch recht streng geführt wird. Nach einigen Tagen bemerkte ich das mir oft Schwindelte und es entwickelte sich ein Geschwür am Arm, welches nicht wirklich weg gehen will. Es breitet sich, im Gegenteil, sogar aus und mittlereweile hat man das Schiff abgesperrt und ich darf mich nur noch in der Kabine aufhalten. Nachts träume ich von Schatten die mich verfolgen und ich hege die Befürchtung ich habe mir hier etwas eingefangen von dem ich mich nicht mehr erholen werde.

Ich glaube das unsere Gier und das Echsengold schuld an meiner Lage ist und bereue zutiefst, so viel Falsch gemacht zu haben. Bitte verzeih mir. Ich würde Dir gerne noch so viel sagen, aber das Papier was mir zugestanden wurde läßt nur noch folgendes zu:

Hab Acht vor Mikail. Er ist in den letzten Jahren immer Skrupelloser geworden. Auch ist mir im Nachhinein immer schleierhafter, wieso diese ganzen seltsamen Unfälle passiert sind, sogar mit seinen eigenen Familienmitgliedern. Auch möchte ich es als fragwürdiges "Glück" bezeichnen, dass immer wieder Geschäftsgegner von uns erkrankten. Ich befürchte, Mikail hat sie vergiftet oder ihnen Fallen gestellt. Ihm ist alles zuzutrauen! Am besten nimmst Du die Familienschätze und fliehst mit Deiner Mutter an einen anderen Ort. Lass Al'Anfa hinter Dir und zieh dich von Mikail zurück. Er ist mir nicht mehr geheuer und ihm ist alles zuzutrauen!

Mögen die Götter Euch behüten!
Dein Vater, Vastilio.